«Nom Commun»: Über und über im Schuss

Zuerst der Stoff, dann die Idee: Die Lausannern Mélisande Grivet nennt ihr Label zwar «Nom Commun», doch gang und gäbe ist ihr Konzept nicht. Warum überschüssige Stoffe, den Reiz ihrer Mode ausmachen

Dicht an dicht lagern die luxuriösen Stoffe auf deckenhohen Regalen, Meter für Meter aufgerollt zu gewichtigen Ballen. Der tomatenrote, zwischen dem gemusterten und dem grauen, besteht aus reiner Baumwolle, die gewachsen ist, geerntet und einen Monat gelagert wurde, ehe eine Maschine Fruchtkapselreste und Samen herauskämmte. Auskochen, Kardieren, Imprägnieren, Auswaschen, Färben, Merzerisieren – all diese ressourcenraubenden und aufwändigen Arbeitsschritte haben den Stoff nicht weitergebracht als: in eine Lagerhalle. Einmal, da musterte ihn ein Designer einer renommierten Modemarke, strich prüfend über dessen Oberfläche und verzog die Mundwinkel nach unten – nein, dieses rote Rot deckte sich nicht präzise genug mit seiner Vorstellung. So versank der Rote zusammengerollt im Dornröschenschlaf – bis eines Tages der ideenreiche Kopf von Mélisande Grivet zwischen den Regalen auftauchte.


Nach der Schneiderlehre und der Hochschule für Modedesign und Bekleidungstechnik in Lugano arbeitete auch sie für ein mondänes Modehaus in der Emilia Romagna. Es war durchaus üblich, Jeans in Marokko zu fabrizieren, diese nach Indien zum Handbesticken zu schicken und schliesslich zurück nach Norditalien zu beordern, von wo aus der Versand in alle Welt erfolgte. Stupiditäten wie diese öffneten der Stylistin und Schneiderin die Augen. «Die Überproduktion beginnt nicht bei den Kleidungsstücken selbst, sondern viel früher: bei den Textilfasern», weiss Mélisande Grivet. Nachdem sie für verschiedene kleinere Ateliers tätig war, lancierte sie 2018 ihr eigenes Label, mit dem sie Kreisläufe schliesst. Sie bedient sich Materialien, die bereits bestehen, sogenannte Überschüsse.

An Mode-Anlässen wie «Prêt-à- politiser» macht Mélisande Grivet ihre Philosophie greifbar: In der vorherrschenden Überproduktion lässt sie nicht noch mehr Materialien herstellen, sondern nutzt jene kreativ, die vorhanden sind.
An Mode-Anlässen wie «Prêt-à- politiser» macht Mélisande Grivet ihre Philosophie greifbar: In der vorherrschenden Überproduktion lässt sie nicht noch mehr Materialien herstellen, sondern nutzt jene kreativ, die vorhanden sind.

 «Manchmal suche ich nach einem Stoff, der zu meiner Idee passt. Manchmal finde ich einen Stoff, der mich auf eine Idee bringt», erzählt die Westschweizerin mit italienischen Wurzeln. «Das erfordert Offenheit und bedeutet mitunter, eine fixe Vorstellung zu verwerfen. Deshalb rechne ich stets genug Zeit ein für die Selektion beim Lieferanten ... », sagt sie lächelnd. Die Frage danach, was gewöhnlicher sein könnte als ein Kleidungsstück, führt sie zum Ursprung ihrer Designs. Diese zieht sie selbst an, um das Tragegefühl auf der Haut zu erfahren. Sie forscht nach jener Einfachheit, die Haltung verleiht. Müsste sie ihr Lieblingsstück küren – was sich anfühle, als müsste sie sich zwischen ihren eigenen Kindern entscheiden –, wäre das ein T-Shirt, das vorder- und rückseitig tragbar ist; mal mit rundem, mal mit v-förmigem Ausschnitt. Mit solch kombinierfreudigen Modellen will die Lausannerin dieses Jahr Deutschschweiz erobern: Sie nimmt sowohl am Anlass «Prêt-à-politiser», der Politik und Mode zusammenbringt, wie auch an der Modeschau «Laufmeter» teil. 

Am Tag, an dem der tomatenrote Baumwollstoff vom kühlen Depot in das atmosphärische Lausanner Atelier dislozierte, war er nicht alleinig: Mélisande Grivet erlas überdies auch Stoffe in kleingetupftem Khaki und elektrisierendem Blau – beschichtet, sodass situationsbedingt Zuckerkörnchen oder Champagnerspritzer leger daran abperlen. Kürzlich noch kommune Stoffballen, hat die Designerin diesen ihre Daseinsmüdigkeit aus den Fasern gerieben: Eleonora, Ottavia und Domenica befreunden sich innig mit Frauen, die das «andere Alltäglich» anzieht. Unter gebräuchlichen Bezeichnungen: ein Kleid, ein Shirt und eine Bluse.


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