Start-up «Glowing Grass»: Der Senkrechtsäer

«Es darf nie dekoriert wirken», sagt der Dekorationsgestalter und ehemalige Gastgeber der «Eisblume» über seine gründaumige Handschrift: Mario Caretti bringt als Gartendesigner Gräsern das Glühen bei.

Schöner Garten, gestaltet von «Glowing Grass».
Gärten gewinnen an emotionaler Bedeutung: Der eigene Aussenbereich schien während der Pandemie wie ein Schutzwall, der das Ungemach davon abhielt, in das Innere hervorzudringen.

Für Gastronomie gedacht waren die Glashäuser im Dorf von Worb eigentlich nie. Nichtsdestotrotz erreichte die Crew der «Eisblume» – einem Provisorium, das schliesslich 15 Jahre existierte – Ruhm, 17 Gault-Millau-Punkte, einen  Michelin-Stern – und dass Kritiker vor lauter zusammenlaufendem Wasser im Mund verstummten. Vor anderthalb  Jahren räumte das Team ein allerletztes Mal das gute Geschirr ab und alle schwärmten in neue gastronomische  Gefilde aus – bis auf einen. Der einstige Gastgeber sitzt an einem langen, tuchlosen Tisch in graumeliertem Hoodie  statt in gebügeltem Hemd: Mario Caretti hat sich hier, wo sich die Blumen «enteisten», mit seiner Gartendesignfirma  eingemietet. Damit gibt er den Gewächshäusern gewissermassen ihre ursprüngliche Funktion zurück. «Das Ende des  Restaurants war, unter anderem wegen auslaufender Verträge, absehbar und deshalb der Neuanfang planbar», meint  er rückblickend. Das Eine zurücklassen, um das Andere zu beginnen, sah der 38-Jährige als Chance. Auf einer  Schubkarre stapeln sich Keramiktöpfe, braun-grün-graue Entwürfe von Paradiesen in spe hängen an den Wänden und auf Paletten liegt beutelweise Blumenerde. Darauf blickend, schmunzelt Mario Caretti: «Davon haben wir während  des Lockdowns jede Menge über die Gasse verkauft …» Sie hätten noch gar keine Zeit gehabt, sich einzurichten,  kommentiert der Worber, warum es offensichtlich ist, dass noch nicht jedes Dings und Design seinen festen Platz hat. Denn der Start seines neuen Business verlief senkrecht. Die Leidenschaft für Gärten, die seit der Schulzeit tief in ihm verwurzelt sei, hat sich angehäuft und sogleich in ersten Projekten ein Verwirklichungsventil gefunden – als hätte man eine Wucherpflanze aus einem zu winzigen Kübel befreit.

«Niemand hat auf einen weiteren Gartenbauer gewartet, aber …»

Nach einem Praktikum in einer Gartenbaufirma und zig verschlungenen Botanik-Wälzern gründete er die Firma «Glowing Grass», zusammen mit seinem Lebenspartner David Schmid, der dafür seine Praxistätigkeit in der ambulanten psychiatrischen Pflege aufgab. Namensgebend sind die sich im Wind wiegenden, filigranen «Leuchtgrashalme» aus Metalldraht und LED-Spot – «Eisblume»-Stammgästen in strahlender Erinnerung –, die Mario Caretti 2012 erstmals zur Dekoration der Gourmetoase kreierte. «Auf einen weiteren Gartenbauer hat wohl keiner gewartet», sagt Mario Caretti und verkneift sich das Lachen nicht. Das habe ihn aber nicht davon abgehalten, seinen Traum zu leben: «Schliesslich fahren wir eine eigene Schiene». Er grenze sich durch seine Handschrift, geprägt von seinem Hintergrund als Dekorationsgestalter, von anderen ab – und: Seine Herangehensweise sei oft eben genau anders, als sie im Lehrbuch stehe. Kommt er an einen Ort des Gedeihens, nimmt er Eindrücke auf, schiesst hie und da ein Foto und zieht sich zurück für die konzeptionelle Denkarbeit. Dabei fliesst die Architektur rundherum ein: Ein Bauerngärtchen in einer geradlinig-modernen Umgebung hielte er für falsch. Seine Gestaltungen wirken nie dekoriert, sondern selbstverständlich, als wären Sessel oder Strauch schon immer da gewesen und nirgends sonst. «Nur, weil man es mal im Tessin unter einer Palme schön hatte, heisst das nicht, dass eine solche auf dem heimischen Balkon denselben Wohlfühleffekt verbreitet», veranschaulicht er seine Pflanzenphilosophie. Er strebt danach, die Natur nahe an das Haus heranzuholen, damit möglichst viel Grün spürbar ist, auch wenn man drinnen weilt. Das bedeutet zum Beispiel, den Gartentisch weiter weg vom Stubeneingang zu positionieren, sodass man umgeben von der Grünpacht geniesst «statt zwei Meter neben dem Küchentisch». «Der Garten ist eine Intimsphäre, in der man sich ungestört entfalten möchte, ohne sich gleich mit Hecke und Paravent abzuschotten.» Selbst verlegen er und sein Partner das Leben sommertags «an die Luft»: Sie residieren im wohnlich ausgestatteten Gartenhaus auf dem eigenen Grundstück. Gerade haben sie die dazugehörige Pergola mit Sumpf landschaft auf dem Dach mit 300 purpurprallen Wasserlinien bepflanzt. «Was für eine edle Blume!», schwärmt er, faltet die von Gartenarbeit gezeichneten Hände hinter dem Kopf, die gewiss erdige Abdrücke auf wolkenweissen Tischtüchern hinterlassen würden, und blickt über die Giebel der Gewächshäuser hinweg. Wie hiess noch mal diese Gärtnerweisheit ...? Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Stilideen werfen – ausser er heisst: Mario Caretti.

Mario Caretti mit seinem Partner David Schmid.
Gärten und deren Architektur begleiten Mario Caretti schon ein Leben lang. Nun hat er sich gemeinsam mit seinem Partner David Schmid als Gartendesigner selbstständig gemacht. Foto: Nadine Strub.