Aus dem Lockdown gegriffen

Für ihre Aufnahmen des Ausnahmezustands linsten Lisa und Remo Ubezio über Gartenzäune und durch Schlüssellöcher. Doch «zeigen, wie es wirklich ist», klingt einfacher, als es war.

Remo und Lisa Ubezio
«Die Leute haben sich gefreut, Besuch zu bekommen.» Remo und Lisa Ubezio lancierten das Projekt aus dem Bedürfnis heraus, etwas Sinnvolles zu tun statt «sich still zu halten».

«Nein, nicht wegräumen!», ist ein Ersuchen, das Remo Ubezio fast überall aussprechen musste, wo er mit Kamera und Stativ auftauchte. «Es soll so sein, wie es halt ist!» Schliesslich will er mit dem Fotoprojekt «Together at home» – zu nächtlicher Stunde ausgeknobelt und mit seiner Lebens- und Geschäftspartnerin Lisa Ubezio initiiert, als sämtliche Aufträge wegbrachen – die Lockdown-Realität abbilden. Diese ist weit weg von piekfein: Hier schlängelt sich ein gelber Gartenschlauch mitten durch den frisch gemähten Rasen, dort kümmert eine Gratinform dahin, die auf das Abendessen des Vortags schliessen lässt, oder eine gestreifte Katze tigert durch die Szenerie. Es sind Momentaufnahmen – vergleichbar mit einem Tagebucheintrag –, die ein fotografisches Monument einer Zeit des Stillstands sind. In rund fünf Wochen haben die Berner über siebzig augenblickliche Verfassungen von Familien, Paaren, Wohngemeinschaften oder Alleinstehenden visualisiert. Die Bilder entstanden zwar in der vertrauten Umgebung, in welche die Krise die Menschen zurückgedrängt hatte, doch offenbaren sie deren Innenleben. Schliesslich werde man auf sich selbst zurückgeworfen, müsse sich neu organisieren, zurechtfinden und abgrenzen, beschreibt das selbstständige Kreativpaar. Um zu ergründen, wie es den Leuten wirklich zumute war, als der Balkon zum Schulzimmer oder die Stube zum Büro wurde, führte Lisa Ubezio Interviews per Sprachnachricht. «Ich konsumiere bewusst nur wenig und dosiert Medien. Mir ist es wichtig, mich bis zu einem gewissen Grad zu informieren. Ich glaube und spüre aber, dass es nicht wirklich gut tut, alle diese negativen Nachrichten zu sehen. Sie generieren Ängste und diese empfinde ich nicht als hilfreich», war ein Gedanke, welcher die porträtierte Sabine mit ihr teilte. Welche ganz unterschiedlichen Strategien die Menschen entwickelten, um die einschneidende Situation zu meistern, sei interessant gewesen. «Und es hat uns dazu angeregt, unser eigenes Denken und Handeln zu hinterfragen», so Lisa Ubezio. In diesem Sinn habe sie das Projekt zwar nicht finanziell über Wasser gehalten, dafür moralisch: «Es war schön, mitten im Stillstand etwas zu bewegen, das Bestand hat.» Mehr noch: es hat das Zeug zum historischen Zeitzeugnis.