Trend «Tiny House»: Familienleben auf winzigem Fuss

Ess- und Wickeltisch stehen dicht beieinander, von der Küche  zum Klo ist es ein Mäuschensprung: Familie Biege lebt in  einem «Tiny House» auf 27 Quadratmetern, weil Minimalismus ihre Lebensfreude vergrössert. 

«Schaaatz, kannst du …», ruft eine Stimme aus dem benachbarten Zimmer. Der gerufene Schatz versteht aber nicht, was er denn können solle. Familie Biege braucht sich nicht mit den akustischen Tücken herumzuschlagen, welche die Kommunikation von Raum zu Raum in grossflächigen Wohnungen mit sich bringt: Die drei-, bald vierköpfige Familie haust seit rund einem Jahr gemeinsam auf lediglich 27 Quadratmetern – nicht, weil sie es muss, sondern weil das ihr Traum vom «guten Leben» ist. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Bewohner beträgt in der Schweiz 47 Quadratmeter (Quelle: bfs.admin.ch).  

Von 80 auf 27 Quadratmeter

 

Die Nischenbewegung aus den USA kommt in die Schweiz oder – besser gesagt – dorthin, wo es Bauvorschriften, Verordnungen und Genehmigungen erlauben. Im Fall von Familie Biege nach Albinen im Wallis. «Die Entscheidung für ein ‹Tiny House› resultierte aus der intensiven Auseinandersetzung mit unseren Bedürfnissen: wir brauchen nicht mehr», erklärt Pierre Biege, was er schon oft erklärte; dass er mit seiner Partnerin Lea und Töchterchen Juno freiwillig auf kleinster Fläche lebt, wirft sowohl bei Faszinierten als auch bei Verwunderten Fragen auf. Ein Dokumentarfilm über den minimalistischen Lebensstil gab ihnen den Anstoss, ihre Wohnfläche innert zwei Jahren von 80 auf 27 Quadratmeter zu reduziert. Sie tasteten sich an die Verkleinerung heran, indem sie sich probeweise mal die Tür zum Büro, mal jene zum Schlafgemach verschlossen, um diese Räume nicht zu nutzen. «Wir stellten fest, dass wir uns sowieso immer in denselben Bereichen aufhielten», erinnert sich der 28-Jährige, Geschäftsführer eines Modelabels.  «Es glich einer Erlösung, auch unser Hab und Gut zu verringern», fügt Lea Biege an. 

24/7 im selben Raum: Ihr Hinterfragen  von Gewohnheiten führte dazu,  dass Lea und Pierre Biege mit Tochter Juno  

vor einem Jahr ihr «Tiny House» bezogen.  Auf ihrem Blog mit Podcast geben sie  Einblick in ihr minimalistisches Leben:  halloholger.com.

Probewohnen in den Flitterwochen

 

Als der Plan für das «Tiny House» stand,  vertrieben sie die lästigen Was-wäre-wenn-Fragen weitgehend – oder wie es das Paar zu sagen pflegt: «Wir machen uns kein Sorgen auf Vorrat.» Stattdessen machten sie die Probe aufs Exempel und fuhren anlässlich ihrer Hochzeitsreise 40 Stunden mit dem Zug in einen Wald nahe der tschechischen Grenze, um dort für ein paar Tage versuchsweise in einem Minihaus zu leben. Auf das Ja zueinander folgte das Ja zum loftartigen «Tiny House» mit Solarzellen auf dem Dach, Kompost-WC, Anlage zur Wasserwiederaufbereitung und Holzofen. Mittlerweile lassen sich tausende Menschen auf ihren Social-Media-Kanälen durch ihre minimalistische Lebensweise inspirieren, wobei Lea glaubt: «Was andere wirklich inspiriert, ist nicht, was wir tun, sondern wie glücklich wir dadurch sind».

Minimalistisch, vegan, plastikfrei: Lea und Pierre drücken ihre Werte in allen Lebensbereichen aus, wobei sie «so nachhaltig wie möglich, aber so pragmatisch  wie nötig» handeln. 

Minimalistisch über das Haus hinaus 

 

«Unsere Motivation ist nicht, die Welt zu retten. Der Lebensstil tut in erster Linie uns gut, wir sind dadurch reflektierter», beschreibt Pierre Biege. «Daraus liesse sich ableiten, dass wir das aus egoistischem Antrieb machen, um uns besser zu fühlen.» Um mit sich im Reinen zu sein, ernährt sich die Familie vegan, verfolgt eine Zero-Waste-Philosophie und schafft nur an, was zwingend nötig ist. «Es geht nicht um die Verweigerung von  Konsum, sondern eine Fokussierung auf das Wesentliche», kommentiert die 26-Jährige, die als gelernte Schneiderin schönem Design höchst zugeneigt ist. Darüber, was «wesentlich» ist und was nicht, diskutieren Lea und Pierre – und können einander bei Unstimmigkeiten nicht die Tür vor der Nase zuknallen, weil es keine gibt. «Neue Gummistiefel für die Kleine?», fragt Lea. «Aber wohin damit? Auf so kleinem Raum ist es schnell zu voll», entgegnet Pierre lachend. «Dann eben keine Gummistiefel für dich, Juno», sagt Lea im Flüsterton. Juno, die nebenan auf dem  Boden spielt, wendet ihren Kopf der Mutter zu und sieht sie mit fragenden Augen an.