Ozeanschutz: (S)print für die Korallenriffe

Riffe sterben in rasantem Tempo. Diesen Wettlauf  gegen die Zeit nimmt ein Frauen-Start-up auf:  Mit modularen Elementen aus dem 3D-Printer,  deren Härtetest im karibischen Meer kurz bevorsteht

Rendering des Riffes, wie es mit dem Baukastensystem konstruiert wird.

Um mehr über das Unterwasser-Projekt «rrreefs» zu erfahren, geht es den Zürcher Hausberg hinauf: Das Start-up hat hier sein kleines wohnzimmerhaftes Büro eingerichtet, gleich bei der Mittelstation der Dolderbahn. Guckt man angestrengt durch die grossen Fenster in die Ferne, erspäht man einen schillernden Spickel des Zürichsees, wo «rrreefs» in einer Nacht-und-Nebel-Aktion schon ein Fundament ihres Baukastensystems testete. Am grossen Bildschirm sitzt Ulrike Pfreundt, der wissenschaftiche Kopf der Korallenriffretterinnen. Ihre Socken fangen den Blick. Sie sind Ziegelrot, so wie die Tonbausteine, mit denen sie und ihr Freiwilligenteam Korallenriffe wieder aufbauen wollen. Die Socken haben sie anlässlich des Crowdfundings vor einem Jahr produziert, als Belohnung für Unterstützerinnen und Unterstützer. Ihrem Aufruf «Wir wollen gesunde Ozeane voller Leben! Wir wollen, dass Korallenriffe überleben!» folgten über 450 Spendende, was ihnen überwältigende 70 000 Franken einbrachte. 

«Hier! Ein Korallenbaby!», jubelt Ulrike Pfreundt, während sie durch die Fotogalerie klickt, welche die Resultate ihrer ersten Testreihe auf den Malediven dokumentiert. Tatsächlich, auch für Laien erkennbar, sind die Unterwasserziegel besiedelt. Die Forscherin freut sich sichtlich darauf, diese Ergebnisse exakt auszuwerten; rasende Leidenschaft treibt den Biodiversitätsnerd an. «Ich wollte verstehen, wie Leben entsteht und funktioniert», begründet die 35-Jährige, warum sie Biologie mit Schwerpunkt auf Genetik und Molekularbiologie studierte. 

Zerstörung mit eigenen Augen gesehen

 

«Der Weite der Meere wohnt etwas Vielversprechendes inne», beschreibt sie die Motivation, warum sie zu Beginn ihres Studiums mit dem Tauchen begann – und schliesslich ihre Semesterferien mehr unter als über Wasser verlebte. «Die Imposanz der Ozeane zeigt, wie klein wir Menschen als Teil des Ganzen eigentlich sind. Nicht zu klein, um etwas zu verändern. Aber klein genug, um deren Grösse zu respektieren», philosophiert sie. Als sie mit eigenen, taucherbebrillten Augen sah, wie die kunterbunte Korallenwelt ausbleichte und kahle Stellen zunahmen, blutete ihr Herz. «Umweltprobleme wie Plastik sind schlimm, doch die Rettung der Korallenriffe ist am dringendsten, weil deren Prozess des Absterbens rasant und unumkehrbar ist.» Sie tauchte in die Thematik des künstlichen Riffaufbaus ein; einige realisierte Projekte gab es schon, welche zu ihrem Erstaunen aber ausschliesslich für Fische und noch mehr für bewundernde Blicke von Menschen designt wurden. Sie aber verfolgt die Vision, ein biodiverses Ökosystem effizient wieder aufleben zu lassen. Um herauszufinden, wie das gelingt, untersuchte sie mit ihrem interdisziplinäres Team im Labor zum Beispiel, wie kleine Partikel in der Strömung mit verschiedenen Oberflächenstrukturen interagieren. «Sie dürfen nicht zu glatt sein, damit die millimeterkleinen Korallenlarven nicht abrutschen», erklärt sie und fährt mit den Fingerspitzen über einen Prototypen mit kunstvollen Verwirbelungen. 

(Unterwasser-)Feldtest und DIY-Vorlage

 

Marie Griesmar, die sie glücklich-zufällig an der «ETH Zürich» kennenlernte und die sich als Künstlerin ebenfalls mit der Unterwasserwelt beschäftigt, fertigt die dreidimensionalen Elemente. Den Ton, der blasenfrei aus dem Drucker kommen muss, mischt sie von Hand an. Diese Produktion, die dereinst kostengünstig in Serie erfolgen soll, läuft derzeit auf Hochtouren: Mit 250 Steinen im Gepäck reist das Team an die Küste Kolumbiens, um dort daraus ein Kunstriff zusammenzubauen und in der Tiefe des Meeres zu versenken. Was beim Pilotprojekt auf wenigen Metern beginnt, soll in Zukunft dazu dienen, Tausende von Kilometern aufzuforsten. «Das akute Problem des Riffsterbens braucht effiziente Lösungen, weil es sonst in dreissig Jahren gar nichts mehr zu retten gibt», warnt Ulrike Pfreundt eindringlich. «Deshalb wollen wir schnell viel bauen und schnell viel Leben zurückzubringen.» Dafür will «rrreefs» die Menschen vor Ort miteinbeziehen, indem sie diese in Rettungsaktionen involvieren, sie schulen und auf die Erhabenheit der Riffe sensibilisieren. «Wahrscheinlich stellen wir die Vorlage als Download bereit, sodass sich alle selbst ihren Riffbaustein ausdrucken und im Meer platzieren können», sagt die Biologin lachend – und meint es ernst.    

Die Wissenschaftlerin betrachtet die herangezoomte Babykoralle am Bildschirm mit der forschenden Neugierde eines Kindes, das fasziniert die Punkte eines Marienkäfers zu zählen versucht. Gerade deshalb traut man es ihr zu, dass sie in zwanzig Jahren durch eines nach ihrem System restaurierten Riff schnorchelt – und dabei über die Fülle an Farben und Formen staunt wie damals als blutjunge Studentin bei ihrem ersten Tauchgang.